Erste Studien zeigen eine Symptomlinderung

Bei einer irreversiblen Demenz ist das Gehirn direkt erkrankt. Bis heute lassen sich diese Krankheiten nicht heilen oder aufhalten. Das Forschungszentrum für nutzerzentrierte Technologien an der FH Vorarlberg hat mit europäischen Partnern nun ein nicht-medikamentöses Verfahren entwickelt, das die Symptome der Demenz im fortgeschrittenen Stadium reduziert.
Das interdisziplinäre Forschungszentrum leitet das EU-Forschungsprojekt „Great“, das die Lebensqualität von Menschen mit Demenz erhöhen soll. Dazu werden Lichtreize, Klänge und Gerüche aus der Natur verwendet. Ziel des Projektes ist es, die Begleitsymptome der Demenzerkrankung zu lindern und die Lebensqualität der Erkrankten, Angehörigen und Pflegenden zu erhöhen. Nun zeigen Studienergebnisse erste Erfolge.

Messbare Reduktion
Aus bisherigen Forschungsarbeiten weiß man, dass Licht, Klänge und Düfte je nach Zusammensetzung eine beruhigende oder aktivierende Wirkung haben können. Dieses Prinzip wurde im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Great“ nach einem genauen Plan angewendet. Möglich wurde dies durch neue digitale Technologien und mechatronische Systeme, die in diesem Projekt entwickelt wurden. Das Ergebnis ist ein sogenanntes „zirkadianes Zeitgebersystem“, das mit Licht, Klängen und Düften arbeitet. „Unsere Sinnesorgane sind an Rezeptoren gekoppelt, die biologische Prozesse im Körperinneren steuern. So verhindert etwa der durch das Auge aufgenommene Blauanteil des Lichts eine Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin und wird damit zum Zeitgeber für den Tag-/Nachtrhythmus“, erklärt Prof. Guido Kempter, Leiter des Forschungszentrums. Dieses neue System wurde mit mehr als 2.000 gesunden Personen getestet und dann über eine Dauer von 19 Monaten bei über 130 Demenzpatienten angewendet.

Im Testzeitraum wurde mehrmals die subjektive Belastung der Pflegepersonen der Demenzpatienten erhoben. Während sie bei Pflegepersonen ohne Zeitgebersystem zunahm, ging sie im Zusammenhang mit dem Zeitgebersystem zurück. „Es muss allerdings angemerkt werden, dass nach 19 Monaten aufgrund der unweigerlich fortschreitenden Demenz die Belastung wieder leicht anstieg“, so Kempter. In dieser Zeit wurden auch die üblichen medizinischen Behandlungen durchgeführt. In Kombination mit dem Zeitgebersystem zeigte sich dabei in 66% der Anwendungsfälle eine messbare Verringerung der Demenzsymptome. Ohne Zeitgebersystem trat nur bei 51% eine Symptomlinderung ein. Besonders eindrücklich waren die unmittelbaren Effekte einer Intervention mit dem Zeitgebersystem. Je nach Zielsetzung konnte eine umgehende Aktivierung oder Beruhigung in der Verhaltensaktivität der Demenzpatienten und der Biorhythmik der Pflegepersonen beobachtet werden.

Das Projektteam hat sich mit diesen Ergebnissen erfolgreich einer Evaluierung durch ein internationales Expertenteam gestellt. Guido Kempter zeigt sich erfreut über die Ergebnisse: „Das Konsortium legte Wert darauf, eine lange Testphase an sieben Standorten in drei Ländern durchzuführen. Es konnten objektive Beweise gesammelt werden unter welchen Bedingungen das System wie erwartet funktioniert. Das ist in der Tat einer der stärksten Aspekte des Projekts.“
Das Projektteam - bestehend aus sieben Unternehmen und zwei Hochschulen - hat auch einen Plan für die Vermarktung entwickelt. Ein Modul hat bereits alle Zertifizierungen für ein marktreifes Produkt durchlaufen und wird bereits dem Vertrieb zugeführt.

Über das Projekt „Great“
Das Forschungsprojekt „Great“ zielt darauf ab, ältere Menschen mit Demenz über die Gefühlsebene auf eine neue bzw. wechselnde Handlung vorzubereiten. Mit intelligent automatisierten modularen Raumstimmungen soll es gelingen, ein jeweils passendes Raumambiente zu erzeugen, welches Demenzerkrankte und deren Pflegende und Angehörige auf ihre Tagesaktivitäten strukturiert vorbereitet. Über diese biologisch-emotionale Ebene lassen sich typische Begleitsymptome wie etwa Desorientierung lindern.
„Great“ ist ein modular zusammenwirkendes Assistenzsystem. Intelligent automatisierte Raumatmosphären wirken auf Stimmung und kognitive Bereitschaft. So soll das System Lebensqualität für Demenzerkrankte und deren Angehörige im privaten Wohnraum ebenso wie in Pflegeeinrichtungen schaffen.

Mehr Informationen zum Projekt: http://great.labs.fhv.at

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