Im Rahmen der Eventreihe „FORWARD – gemeinsam weiterdenken“ beschäftigte sich der Studiengang Soziale Arbeit und die Diversitätsstelle der FHV mit dem Thema „Care-Arbeit neu denken“. Dieses Thema wurde und wird breit in der Sozialen Arbeit und in feministischen Debatten diskutiert und hat gegenwärtig nichts an seiner Aktualität eingebüßt. Zwei Impulsvorträge und eine spannende Podiumsdiskussion mit unterschiedlichen Vertreter:innen der Vorarlberger Social-Profit-Organisationen erweiterten gewohnte Blickwinkel und sensibilisierten für innovative Perspektiven und neue Positionen.

Dr.in Katrin Feldermann thematisierte in ihrem Impulsvortrag mit dem Titel „Dann nehmen wir uns halt ‘ne Polin“ entlang der Frage von ausländischen Betreuungspersonen die diskriminierungssensiblen und intersektionalen Perspektiven von Care-Arbeit. Katrin Feldermann zeigte auf, wie alltäglich menschenverachtende Strukturen im Kontext von Betreuungsverhältnissen in der 24-Stunden-Betreuung etabliert sind, ohne dass sie von professioneller Seite oder im privaten Kontext besondere Beachtung finden. Diskriminierung findet innerhalb der Care-Arbeit vielfach statt und trifft auf eine sie ignorierende Gesellschaft. Welche Mittel und Möglichkeiten hat die Profession Soziale Arbeit, diesen systemischen Missständen zu begegnen? Kathrin Feldermann postulierte: „Solidarität kann nur entstehen, wo Privilegien aufgehoben werden“. Sie fordert damit einen akademischen Aktivismus, der wissenschaftlich fundiert intersektional, rassismus- und klassismuskritisch zugleich ist.

Sorgebeziehungen und Solidarität

Einen weiteren Zugang zum Thema Care-Arbeit erschloss die Dipl.-Soziologin Fabienne Dècieux. Sie widmete sich in ihrem Impulsvortrag „Who cares? – Für wen wird unter welchen Umständen und von wem gesorgt?“ in einer weiten Perspektive dem Thema Care. Auf Sorge angewiesen zu sein, stellte die Sprecherin mit der Kontingenz des Lebens in Verbindung: „Jeder kommt in die Situation, in der man angewiesen ist auf die Sorge von außen.“ Eine damit einhergehende Frage war, wer diese Arbeit bezahlt oder unbezahlt leistet. Kapitalismuskritisch analysierte Fabienne Dècieux, dass sich die Aufteilung von Sorgearbeit in den vergangenen 70 Jahren nicht wesentlich verändert habe. Nüchtern stellte sie unter anderem fest: „In Skandinavischen Ländern arbeiten Frauen 40 Stunden und schlafen dafür weniger, damit sie Sorge betreiben können.“ Eingeschrieben in Sorgebeziehungen seien Machtstrukturen, die über die wohlfahrtsstaatliche Organisation von Pflege aufrechterhalten werden. In diesem Zusammenhang gehe es um eine wie Dècieux sagt Ökonomisierung bei gleichzeitiger Defamilisierung und Individualisierung von Sorge. Außerdem könne Sorge nur unter dem Grundsatz der Solidarität geleistet werden.

Soziale Arbeit als zentraler Akteur

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von der FHV-Hochschullehrerin Anja Kerle, ergab sich die Gelegenheit, die Themen der Vorträge gemeinsam mit Praktiker:innen aus Vorarlberg zu besprechen. Lea Putz-Erath, femail-Geschäftsführerin, erzählte von den Herausforderungen ratsuchender Frauen, die sich an die Frauenberatungsstelle wenden. Die Geschäftsführerin des Vereins Amazone Angelika Atzinger gab einen Einblick in die Arbeit mit Mädchen* und sprach von den immer noch vorhandenen Rollenbilder, auch in Vorarlberg. Dass Menschen, die sich für andere sorgen, auf professionelle Unterstützung angewiesen seien, betonte Nikolas Burtscher, Geschäftsführer der Selbsthilfe Vorarlberg. Die Leiterin der offenen Jugendarbeit und Schulsozialarbeit in Hard, Fabienne Moosbrugger, machte auf die Relevanz der Sozialen Arbeit in Bezug auf Care aufmerksam. Dass es noch mehr finanzielle Ressourcen brauche, um gute Sorge durch professionelle Soziale Arbeit zu leisten, darin war sich das Podium einig. Da diese Themen auch in Vorarlberg im Zuge der COVID-19-Pandemie an Relevanz gewonnen haben, wurde abschließend von den Diskutant:innen an die Politik appelliert, die Soziale Arbeit als einen zentralen Akteur im Kontext von Care anzuerkennen und entsprechende Rahmenbedingungen zu gestalten, damit ein professionelles und gutes Füreinander-sorgen möglich wird.

Über FORWARD – gemeinsam weiterdenken

"FORWARD – gemeinsam weiterdenken" ist das Event-Format der FHV. Aktuelle wirtschafts- und gesellschaftspolitische Themen werden aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und kontrovers diskutiert. Dazu treffen Wissenschaftler:innen, Expert:innen und Vordenker:innen im Herzen der Bodenseeregion – am Standort der Fachhochschule in Dornbirn – zusammen. Der abwechslungsreiche Mix aus Keynotes, Diskussionsrunden und Erfolgsstorys aus der Wirtschaft steht für Inspiration, neue Ideen und zukünftige Chancen.

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