Boris Kochan
Charakter in der Gestaltung

Als Gründer und CEO der Design- und Kommunikationsagentur Kochan & Partner in München sowie Vorstand des iF Industrie Forum Design e.V. hat Boris Kochan in seinem Vortrag den Versuch unternommen sich den unterschiedlichen Aspekten und Facetten zum „Charakter in der Gestaltung“ anzunähern.

So hat er gleich zu Beginn zentrale Fragen aufgeworfen:

  • ist „Charakter in der Gestaltung mehr als eine Spielerei?
  • kann Gestaltung nonkonform, eigenwillig und individuell sein ohne als fremdartig abgelehnt zu werden?
  • braucht „Haltung“ eine festgeschriebene Form?

Einleitend hat Boris Kochan auf die Markanz einzelner Glyphen und dem Charakter des Schriftbildes der von ihm in den Vortragsfolien verwendeten Schriftfamilie Vista, entworfen von Xavier Dupre, hingewiesen. Bei der Typografie geht es neben handwerklichem Können und der Lesbarkeit in erster Linie darum dem Inhalt eine ihm angemessene Form zu verleihen, die die gewünschte Bedeutung vermittelt. Schlechte Typografie kann schnell das Gegenteil dessen kommunizieren, was ursprünglich beabsichtigt wurde, was er mit einigen humorvollen Beispielen eindrücklich veranschaulicht hat. Anhand eines Weinetiketts hat er verdeutlicht, dass sich schlechte typografische Gestaltung, in dem Fall eine misslungene Spationierung, auf das Geschmacksempfinden des Weintrinkenden übertragen kann.

Mit der Aussage „Ohne Charakter gibt es keine Schönheit“ zitiert Boris Kochan Johann Wolfgang von Goethe. Denn Schönheit für sich ist kein Wert. Es braucht den Bruch an der richtigen Stelle, der Einmaligkeit suggeriert. Hier führt er als Beispiel japanische Keramikarbeiten und die Aussagen „Charakter folgt aus Beschädigung“ sowie „Harmonie ist tödlich“ an.

Den Zusammenhang von Inhalt, Form und Charakter hat er mit seinem Buchprojekt „Glas:Typen, Form und Funktion – Anatomie einer Leidenschaft“ aufgezeigt. Das Buch stellt eine Korrelation von Geschmacksnoten von Weinen, der Form von Weingläsern und Buchstabenformen her. Jedem Wein (Inhalt) sein Glas (Form und Funktion), das die Geschmacksnote (Charakter des Weines) voll zur Geltung und individuell zum Ausdruck bringt. So wird die Form zum Träger von Bedeutung.

Im Segment Tourismus agieren fast alle Unternehmen mit den gleichen, stereotypen „Heileweltundschönwetterbildern“. Dabei ist es in der Markenkommunikation stets das höchste Ziel einzigartig, unterscheidbar und wiedererkennbar zu sein. Am Beispiel seines Kunden Studiosus, einem Anbieter für individuelle Kultur- und Bildungsreisen in kleinen Gruppen hat Boris Kochan verdeutlicht, wie man sich mit einer charakteristischen Bildsprache mittels übereinander gelagerter Fotocollagen und Erlebnisberichten in Kurzromanform, die dem spezifischem Leistungsangebot entsprechen, von allen Konkurrenten am Markt auf den ersten Blick erfolgreich differenzieren kann.

Um nicht im ewig Gleichen und in Austauschbaren Lösungen zu verharren, ist es nötig die Dinge stets zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Hier ist der Mut, der Wille und die Innovationsfreude von GestalterInnen gefragt.

Kunden wenden sich allzu oft an GestalterInnen mit Aufträgen, die das eigentliche Kundenproblem nicht wirklich lösen. Aus der Sicht von Boris Kochan sollten Kunden jedoch Lösungen präsentiert bekommen, mit denen sie nicht rechnen (sonst könnten sie es ja selbst machen), welche jedoch das eigentliche Problem auf eine viel bessere Art und Weise mittels Gestaltung und Kommunikation lösen.

„Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Tancredi zum Fürsten Salina in Luchino Viscontis Film „Der Leopard“

Abweichung eröffnet neue Möglichkeiten. Der schöpferische Winkel stellt die innovative Gestaltung von Möglichkeiträumen für bestimmte Problemlösungen dar (thinking out of the box). Das Denken und Gestalten des Ungedachten verlangt Ungehorsamkeit und setzt eine gewisse Haltung und ein Selbstverständnis des Gestalters, als Partner des Auftraggebers, sowie dessen Vertrauen voraus.

Der Gedanke des „schöpferischen Winkels“ geht ursprünglich auf Willi Baumeister zurück. Das von Boris Kochan vorgestellte Buchprojekt über die Stadt Gökbük bei Antalya in der Türkei „Gökbük wirklich möglich“ veranschaulicht den Gedanken des schöpferischen Winkels anschaulich. Anliegen des Stereo-Buches (zwei Bücher in Einem, die zugleich betrachtet und gelesen werden können) ist es, Perspektiven in der (vermeintlich trostlosen) Wirklichkeit der Stadt Gökbük durch neue Möglichkeitsräume aufzuzeigen.

In der anschließenden Diskussion mit Boris Kochan und dem renommierten Vorarlberger Gestalter Reinhard Gassner hat der moderierende InterMedia Hochschullehrer Alexander Rufenach weiterführende Aspekte zum „Charakter in der Gestaltung“ mit den beiden Gästen erörtert. In dem Gespräch ging es um Charaktereigenschaften des Gestaltenden, des Gestaltetem und den Charakter der Kundenbeziehung.

Welchen Charakter legen Ateliers hinsichtlich Qualität, Ethik, Moral, Umgang miteinander und untereinander, an den Tag: „Machen wir ihnen“ (mwi) versus „nur über meine Leiche“. Gesprochen wurde auch über schwierige Situationen, den Umgang mit Krisen, die Entscheidungen, Mut und Rückrad abverlangen und reifen lassen. Nein sagen ist immer schwer, aber Neinsagen lässt die Persönlichkeit und den Charakter reifen.

Bei Bewerbungsgesprächen spielt für Boris Kochan als auch für Reinhard Gassner sowohl ein aussagekräftiges Portfolio als auch die Persönlichkeit der BewerberInnen eine ausschlaggebende Rolle.

https://www.kochan.de
http://www.ateliergassner.at

(Text: rual, Fotos: afu)

Boris Kochan

Boris Kochan (*1962) gestaltet: Unternehmen, Organisationen, Beziehungen und Bezüge. Als Unternehmer, Journalist, Designer, Büchermacher, Berater. Nach seiner Layout- und Typographie-Ausbildung im Studio Sternagel sammelte er erst in der Redaktion der SZ journalistische und dann in Satz-, Litho- und Druckbetrieben technische Berufserfahrungen. 1981 gründete er gemeinsam mit Freunden KOCHAN & PARTNER, zuerst ein Grafik- und Textbüro, heute mit über 60 Mitarbeitern an den Standorten München und Berlin eine der zehn größten inhabergeführten CD/CI-Agenturen und erfahrensten Digitalagenturen in Deutschland.

Boris Kochan hält Vorträge und leitet Seminare zu Branding und Kommunikation. Er ist Chairman des internationalen Non-Latin-Typography Projektes GRANSHAN und Juror von Design-Wettbewerben. Nach sieben Jahren als Erster Vorsitzender der Typographischen Gesellschaft (tgm) wurde er erster Präsident des neu formierten Spitzenverbandes Deutscher Designtag (DT).

Vortrag: Charakter in der Gestaltung

19. Januar 2017
19 Uhr
Aula der FH Vorarlberg
 

Boris Kochan
Vortragender Boris Kochan
Diskussionrunde mit Reinhard Gassner, moderiert von Alexander Rufenach
Diskussionrunde mit Reinhard Gassner, moderiert von Alexander Rufenach
Diskussionrunde
Diskussionrunde

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