Thomas Hundt
Erzählende Räume

Wann erzählt ein Raum eine Geschichte? Was braucht es dazu? Und wie muss der Raum selbst beschaffen sein?

Antworten auf diese und andere Fragen gab es nun im Rahmen der Reihe OpenIdea an der FH Vorarlberg. Thomas Hundt, der Geschäftsführer von Jangled Nerves, war zu Gast. Die Stuttgarter Agentur, die Ausstellungen und Messen gestaltet, bündelt verschiedene Kompetenzen unter einem Dach. So arbeiten Projektmanager, Architekten, Konzepter, Designer, Filmemacher, Medientechniker und Texter Hand in Hand zusammen. Und das von Anfang an.

Je nach Auftragsgröße sitzt zu Beginn jedes neuen Projekts aus allen wesentlichen Bereichen ein Vertreter bei. Und dann beginnt die Arbeit. Wie aber funktioniert dieses Kooperieren bei meist sehr großen Projekten? Für Hundt gibt es zwei Möglichkeiten: Er fragt nach der Sortierung (nach Themenfeldern, Alphabet, Farbe, Größe, etc. …) oder er zeichnet bereits zu Beginn das große Bild. Was er damit meint? Tatsächlich, wie das Ergebnis aussehen könnte. Das, was ich als Besucher weitererzählen kann. Wenn ich nach dem Besuch einer Ausstellung nichts Konkretes formulieren kann, hat es nicht funktioniert. Deshalb kann es in der Herangehensweise wichtig sein, sich bereits im Vorfeld dieses Bild zu machen. Auch wenn Ausstellungen multi-assoziativ wirken. Das ist kein Problem. In der Hauptsache muss der Besucher sich zurecht finden und etwas mitnehmen.

Räume sind nicht linear – es gibt verschiedene Flächen: Zwischen der Wand mit ihren 2 Dimensionen, dem Raum in seiner 3-Dimensionalität und der zusätzlichen 4. Dimension, der Zeit, ist sehr vieles möglich, um Erzählungen stattfinden zu lassen. Sehr wichtig und immer Teil der Raumgestaltung bei Jangled Nerves sind persönliche Geschichten, die Schicksale Einzelner. Ganz egal, ob es sich dabei um eine Ausstellung zum Thema Flucht, Fußball oder Autos handelt: So suchte man z.B. für das tschechische Skoda-Museum die Geschichte eines jungen Mannes, der in einem Skoda auf die Welt kam. Und wurde fündig: Der tschechische Profi-Fußballer Milan Baros wurde 1981 in einem Skoda geboren.

Diese kleinen Geschichten, dazu Memorabilien quer durch die Zeit, Text in kleinen Häppchen (mit Objekten verbunden und manchmal auch animiert) – all dies macht Ausstellungen heute attraktiv, zieht Besucher an und bewegt sie quasi intuitiv durch den Raum. Immer wieder Erstaunen auslösen, ja, das ist gut, sagt Hundt. Aber bloß kein erhobener oder allzu deutlicher Zeigefinger und keine langweiligen Marketingtexte. Digitale Devices mit zusätzlichen Informationen, die zu Beginn der Ausstellung ausgegeben werden, sind eine Möglichkeit, dem Mediennutzungsverhalten heute zu begegnen. Ohne dabei gleich Gefahr zu laufen, den Besucher durch sein Smartphone zu verlieren. “Weil er herumzudaddeln beginnt und dann abgelenkt ist”, so Hundt.

Der Raum selbst muss übrigens Teil der Inszenierung sein. Fühle ich mich als Besucher eingeengt in einer Ausstellung, die thematisch beklemmend wirken soll? Dann ist das gut. Die Lösung liegt aber nicht in zusätzlichen Stellwänden, die Lösung ist, wenn es gut läuft, der Raum selbst. Es mache keinen Sinn, in der Gestaltung gegen Räume anzugehen, denn diese sind so viel stärker.

Abschließend dann die Frage: Wohin entwickelt sich das Thema “Inszenierte Räume” künftig? Hundt ist überzeugt, dass Ereignisse wie Ausstellungen - das physische Zusammenkommen und das gemeinsame Erleben an realen Orten - sehr wichtig bleiben. “Ganz digital sind wir Menschen halt doch nicht.” Und wer sich für einen Job im Bereich “Kommunikation im Raum” interessiert, der sollte gute Grundlagen der Gestaltung mitbringen und darüber hinaus absolut Open Minded sein, das sein Tipp an die InterMedia-Studierenden der FH.

(Text: honi)

Thomas Hundt

Prof. Thomas Hundt geboren 1967 | Studium Maschinenbau an der TU München und Architektur an der Universität Stuttgart | Seit 1998 geschäftsführender Gesellschafter von jangled nerves | Seit 2004 Professur für Medien + Raum an der Hochschule für Technik Stuttgart, Fakultät Architektur und Gestaltung.

jangled nerves ist ein interdisziplinäres Team mit Sitz in Stuttgart, das sich auf Kommunikation im Raum spezialisiert hat – die Kompetenzen und Leistungen einer Kreativ-Agentur für Konzeption und Design, eines Planungsbüros für Museumsgestaltung und Ausstellungsarchitektur sowie einer Produktion für Film, Medien und Interaktion werden effizient unter einem Dach gebündelt. Medien und Raum werden im Gestaltungsprozess als sich gegenseitig beeinflussende und inspirierende Komponenten verstanden, die als Ganzes gedacht und entwickelt werden. Die realisierten Projekte reichen von Museen über Erlebnisräume bis zu Messen für Kultur, Wissenschaft und Industrie. www.janglednerves.com

Vortrag: Erzählende Räume

18. Mai 2017
19 Uhr
Aula der FH Vorarlberg

Vortragender Thomas Hundt
Vortrag

Veranstaltungsreihe OpenIdea