Die 4. Sozialraumkonferenz findet am 16.1. an der FHV statt. Die Veranstaltung beschäftigt sich mit dem Thema Armut. Armut in einem so reichen Land in Österreich, gibt es das?
Oliver Mössinger: Bereits bei der Planung für diese Veranstaltung war für Expertinnen und Experten der Sozialen Arbeit absehbar, dass die aktuelle Entwicklung an der Problemstellung einer "Armutsgefährdung im Land des Wohlstands" nicht vorbeikommen kann. Die Weltwirtschaftskrise, die Zeit um und nach Corona, die andauernde Teuerung, der Zoll- und Handelskampf und diverse geopolitische Krisen führten dazu, dass die heimische Wirtschaft schwächelt, was in einer überdurchschnittlich hohen Inflation mündete. Dies alles bedingt, dass Österreich, der Bund, die Länder und Gemeinden nun zum Sparen gezwungen sind. Der ausgerufene Slogan "alle müssen ihren Beitrag leisten" trifft nun auch diejenigen in unserer Gesellschaft, die ohnedies wenig zum Leben haben. Somit verstärkt sich die bestehende Armutsgefährdung in Vorarlberg. Dies belegen anerkannte Studien.
Ist diese Armutsgefährdung in Zahlen zu fassen?
Mössinger: Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind in Vorarlberg vergleichsweise viele Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. In Vorarlberg ist
jede fünfte Person* armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Neu ist, dass die Suche nach dem fehlenden Geld nun auch die Sozialwirtschaft in Vorarlberg trifft. Diese Entwicklung werden auch Kundinnen und Kunden der Sozialen Institutionen zeitnah zu spüren bekommen.
Welches Ziel hat die Sozialraumkonferenz?
Mössinger: Mit der Sozialraumkonferenz der FHV greifen wir aktuelle Fragestellungen im Sozialraum Vorarlberg auf, fokussieren uns auf dringliche sozialpolitische Themen und bringen Studierende der Sozialen Arbeit mit interessierten Bürger:innen, Politik, Verwaltung und sozialen Diensten zusammen. Wir analysieren gemeinsam Lebensbedingungen und soziale Problemstellungen in Vorarlberg, suchen nach Lösungsansätzen und aktivieren im Idealfall Ressourcen.
Welches persönliche Ziel verfolgst du mit der Sozialraumkonferenz?
Mössinger: Mir ist es persönlich ein Anliegen, dass wir mit der Sozialraumkonferenz eine ganzheitliche Sichtweise fördern, und einen Rahmen für konstruktive Gespräche und mögliche Antworten für eine Verbesserung im Sozialraum Vorarlberg bereitstellen. Im Idealfall werden innovative Problemlösungen oder realistische Ansätze zur Problemlinderung aufgezeigt. Dadurch wird gesellschaftliche Teilhabe gefördert. Es geht als Fazit um konkrete Handlungsansätze bei der Herausforderung von Armut und Barrierefreiheit.
Wie profitieren die FHV-Studierenden davon?
Mössinger: Für Studierende des Masters Soziale Arbeit mit der Vertiefungsrichtung Sozialraumarbeit schaffen wir eine reale Übungsplattform einer Beratungswerkstatt, sozusagen einer Helfer:innenkonferenz mit großen Menschengruppen.
Was erwartet die Besucher:innen bei der Austragung 2026?
Mössinger: Ausgehend von fachlichen Definitionen wird die Armutssituation in Vorarlberg beleuchtet und anhand von Beiträgen der Schuldenberatung des ifs sowie der Caritas konkrete Angebote der Sozialen Arbeit im Bereich Existenzsicherung vorgestellt. Begleitend dazu rücken die Ausstellung „Armut hat ein Gesicht“ und eine Fishbowl-Diskussion Armut aus der Anonymität. Expertinnen und Experten aus Sozialer Arbeit, Zivilgesellschaft und Studierendenschaft diskutieren Möglichkeiten und Grenzen bestehender Angebote, wobei auch das Publikum aktiv eingebunden ist. Ergänzt wird die Konferenz durch eine Plakatausstellung von Bachelor-Studierenden zur Gemeinwesenarbeit.
Das gesamte Sozialsystem in Vorarlberg steht derzeit stark unter Druck, weil Kürzungen drohen. Land und Gemeinden wollen 2026 rund 15 Millionen Euro weniger in den Sozialfonds einzahlen. Wie siehst du diese Entwicklung?
Mössinger: Die aktuelle Situation macht ein wenig den Eindruck, als wäre diese „Krise“, wie ein unvorhersehbares Naturereignis und ohne Vorankündigung, bspw. wie bei einem Beben mit anschließender Flutwelle ohne Tsunami-Warnung und ohne mögliche Alternativen eines Handlungsplans über Vorarlberg hereingebrochen. Dem war und ist nicht so. Wir könn(t)en turbulente Zeiten und schwierige Herausforderungen professioneller bewältigen!
Und wie?
Mössinger: Die Expertinnen und Experten der Sozialen Arbeit sind ausgezeichnet ausgebildet und beherrschen konstruktive Sozialplanung. Aus diesem Grund haben wir uns bereits im Sommer bei den Vorbereitungen für die Sozialraumkonferenz 2026 der Thematik „regionale Entwicklung und Armutsbekämpfung“ angenommen. Konstruktive Sozialplanung ist u.a. ein wesentlicher Inhalt in der Ausbildung der Sozialen Arbeit, insbesondere im Master mit der Vertiefung der Sozialraumarbeit. Das Setting einer Sozialraumkonferenz bringt unterschiedliche Player aus Sozialpolitik und Sozialwirtschaft zusammen, und fördert u.a. einen solidarischen Dialog und gemeinsam getragene Problemlösungen. Im Idealfall vorausschauend und auf Sicht sowie in der Krise.
Auch Landesrätin Martina Rüscher und Caritasdirektor Walter Schmolly werden zu Gast sein?
Mössinger: Ja, nach einem konstruktiven Ausblick sowie einer Lesung mit anschließendem Gespräch über gesellschaftliche Teilhabe, Steuergerechtigkeit und notwendige politische Maßnahmen gegen Armut und Armutsgefährdung in Vorarlberg gibt es ein moderiertes Gespräch mit Landesrätin Martina Rüscher und Caritasdirektor Walter Schmolly über notwendige Maßnahmen gegen Armut und Armutsgefährdung.
Welche Bedeutung hat für dich der Beruf der Sozialarbeiterin bzw. des Sozialarbeiters?
Mössinger: Soziale Arbeit und die Ausbildung unserer Studierenden sind mir ein Herzensanliegen. Angehende Sozialarbeiter:innen haben sich bewusst für diesen schönen aber auch äußerst anspruchsvollen Beruf im Sozialwesen entschieden. Diese Menschen übernehmen Verantwortung und engagieren sich professionell für Adressatinnen und Adressaten in unserer Gesellschaft. Oft sind gerade sie das Bindeglied eines friedlichen Miteinanders, manchmal auch wenn wir als Gesellschaft kein Verständnis aufbringen und / oder auch wegschauen. Sie haben eine ausgezeichnete Ausbildung und auch unsere Anerkennung verdient. Als Hochschullehrer an der FHV kann ich meinen Beitrag leisten, und darf diese Kolleginnen und Kollegen auf ihrem Weg in die Soziale Arbeit, ich hoffe als Vorbild, begleiten.
Ein kurzer Rückblick auf deinen eigenen Werdegang?
Mössinger: Mein eigenes Studium, welches ich bereits vor 30 Jahren an der Sozialakademie (SOZAK) in Bregenz absolvieren durfte, hat mein Interesse für Soziale Gerechtigkeit, Sozialpolitik und Soziale Arbeit geweckt. Einige Jahre später konnte ich mein Profil – Soziale Arbeit als Disziplin und Profession – im Zuge meines Masterstudiums an der FHV schärfen. Auf meinem Weg der Sozialen Arbeit durfte ich wunderbare und engagierte Menschen kennenlernen. Diese Vorbilder beeinflussen mein Handeln bis heute.
Du engagierst dich u.a. ehrenamtlich für die Straßenzeitung marie. Kannst du uns darüber einen Einblick gewähren?
Mössinger: Heute bin ich in einer privilegierten Situation und mein Wissen ist gefragt, und ich werde von unterschiedlichsten sozialen Institutionen und Stakeholdern um meine Expertise oder einfach nur um einen Rat angefragt. Ich habe „meist" ein offenes Ohr und dieses Engagement führte mich u.a. zur Straßenzeitung marie, die sich als Sprachrohr für die Anliegen von Randgruppen unserer Gesellschaft versteht. Die marie ist ein Angebot zur Selbsthilfe für Menschen an oder unter der Armutsgrenze, die ihren Lebensmittelpunkt in Vorarlberg haben. Ziel ist die Förderung des Miteinanders von Menschen am Rande der Gesellschaft und der Mehrheitsgesellschaft. Diese Zielausrichtung stimmt mit meinen Idealen überein, und so gehört die marie heute zu einem meiner Herzensprojekte. Die vielseitige Arbeit in diesem kleinen und motivierten Team stiftet Sinn und bereitet mir Freude. Als Kassier der marie bin ich ehrenamtlich für die Finanzen verantwortlich.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Sozialraumkonferenz findet am Freitag, den 16. Jänner ab 14:00 Uhr an der FHV in der Aula statt. Die Teilnahme ist gratis. Weitere Infos und Anmeldung gibt es hier.