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Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling

15.04.2026
Nina Schneider, Wissenschaftlerin am Forschungszentrum Business Informatics der FHV, über die Rolle von Design als größten Hebel, die Veränderung von Geschäftsmodellen und die Bedeutung der Forschung.

 

Kreislaufwirtschaft gilt als Schlüssel für nachhaltiges Wirtschaften, wird jedoch oft missverstanden. Was bedeutet sie wirklich für Unternehmen? Ein Gespräch mit Wissenschaftlerin Nina Schneider.

 

Kreislaufwirtschaft wird oft mit Recycling gleichgesetzt. Ist das zu kurz gegriffen?

Nina:
Ja, absolut. Recycling ist nur ein Teil des Ansatzes und steht sogar eher am Ende. Kreislaufwirtschaft bedeutet, den gesamten Lebenszyklus von Produkten zu betrachten – von der Rohstoffgewinnung über Design und Nutzung bis zur Wiederverwertung. Damit steht sie im Gegensatz zum linearen Wirtschaftssystem, bei dem Rohstoffe entnommen, genutzt und anschließend entsorgt werden. Ziel ist es, Ressourcen möglichst lange im System zu halten und Abfall von Anfang an zu vermeiden.

 

Was sind die zentralen Prinzipien dahinter?

Nina:
Im Kern geht es um drei Dinge: Abfall vermeiden, Materialien im Kreislauf halten und natürliche Systeme regenerieren. Ein komplett geschlossener Kreislauf ist zwar unrealistisch, entscheidend ist jedoch, die Lebensdauer und Nutzungsdauer von Rohstoffen zu maximieren.

 

Welche Rolle spielen die sogenannten R-Strategien?

Nina:
Sie sind ein zentraler Orientierungsrahmen. Besonders wirkungsvoll sind Strategien wie „Refuse“ oder „Rethink“, also Dinge bewusst nicht zu produzieren oder Produkte grundlegend anders zu gestalten. Danach folgen Ansätze wie Wiederverwenden oder Reparieren, während Recycling erst am Ende steht. Entscheidend ist: Der größte Hebel liegt ganz am Anfang – nämlich im Design. Produkte sollten so entwickelt werden, dass sie langlebig, reparierbar und wiederverwendbar sind. Ebenso wichtig ist es, sie so zu konzipieren, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus einfach zerlegt und hochwertig weiterverwertet werden können.

 

Was bedeutet das konkret für Unternehmen?

Nina:
Das verändert nicht nur die Produktentwicklung, sondern auch Geschäftsmodelle. Unternehmen denken zunehmend in Nutzung statt Besitz und müssen ihre Wertschöpfungsketten neu organisieren. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Anforderungen, etwa bei Rücknahme-, Aufbereitungs- und Wiederverwertungssystemen. Kreislaufwirtschaft ist daher nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine systemische und strategische Transformation.

 

Die Kreislaufwirtschaft gilt als große Chance: wo liegen ihre Grenzen?

Nina:
Sie wird teilweise überschätzt, wenn sie als Allheilmittel gesehen wird. Es gibt physikalische und wirtschaftliche Grenzen, zum Beispiel durch Material- und Qualitätsverluste. Gleichzeitig wird ihr Potenzial oft unterschätzt, weil sie auf Recycling reduziert wird. Richtig umgesetzt, kann sie den Ressourcenverbrauch senken, teilweise Kosten reduzieren, die Versorgungssicherheit erhöhen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

 

Welche Rolle spielt Forschung bei der Umsetzung?

Nina:
Die Umsetzung ist komplex. Forschung hilft zum Beispiel durch neue Technologien, digitale Ansätze wie Produktpässe oder durch die Analyse ganzer Wertschöpfungsketten, Zusammenhänge sichtbar zu machen und konkrete Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig gibt es aber auch noch Herausforderungen, wie fehlende Daten, mangelnde Transparenz oder wirtschaftliche Hürden.

 

Und welche Rolle spielt dabei das Projekt „Circular Lab“, bei dem FHV und Universität St. Gallen gemeinsam im Lead sind?

Nina:
Das Circular Lab ist eine Plattform, die Forschung und Praxis verbindet. Gemeinsam mit Partner:innen entwickeln wir konkrete Lösungen und bringen Unternehmen zusammen, um voneinander zu lernen. Gleichzeitig stärken wir Netzwerke in der Bodenseeregion und fördern den Austausch über Best Practices. So wird Kreislaufwirtschaft schrittweise umsetzbar.

 

Dein abschließendes Fazit?

Nina:
Wer Ressourcen wirklich im Kreislauf halten will, muss Wertschöpfung grundlegend neu denken, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

 

 

Kontakt

Das ist das Mitarbeiterfoto von Schneider Nina. | © Nina Bröll | FHV


Dr.in Nina Schneider, MSc
Scientist
Forschungszentrum Business Informatics

+43 5572 792 3739
nina.schneider@fhv.at