• #Forschung
  • #business informatics
  • #Forschungsnewsletter

Was ist Boden wirklich wert? Ein Tool denkt Bewertung neu.

02.06.2026
Flächen sind knapp, Anforderungen steigen: Ein Forschungsprojekt am Forschungszentrum Business Informatics der FHV zeigt, wie Böden künftig nicht nur nach wirtschaftlichen, sondern systematisch auch nach ökologischen und gesellschaftlichen Kriterien bewertet werden können.

 

Key Take-Aways:

  • Ganzheitliche Bewertung von Boden: Ein neues Tool verbindet systematisch ökologische, ökonomische und soziale Kriterien.
  • Besseres Verständnis von Auswirkungen: Der Vergleich von aktueller und geplanter Nutzung macht langfristige Effekte von Eingriffen sichtbar.
  • Mehr Orientierung für Entscheidungen: Unterstützt fundierte Entscheidungen in Raumplanung, Verwaltung und Investition.

 

Boden ist eine unserer wertvollsten Ressourcen und wird gleichzeitig oft nur eindimensional bewertet. Lage, Nutzung oder Ertragspotenzial bestimmen traditionell seinen Wert. Doch angesichts von Flächenverbrauch, Klimawandel und neuen regulatorischen Anforderungen rücken ökologische und gesellschaftliche Funktionen zunehmend in den Fokus.

Genau hier setzt ein Forschungsprojekt der FHV an: Im Rahmen des Interreg-ABH-Projekts „Circular Lab“ entwickelt das Forschungszentrum Business Informatics gemeinsam mit Partnern wie dem Ingenieurbüro für Raumplanung heimaten und der OST – Ostschweizer Fachhochschule ein Bodenbewertungstool, das diese Dimensionen systematisch zusammenführt. Ziel ist es, fundiertere Entscheidungsgrundlagen für eine nachhaltige Boden- und Flächenplanung zu schaffen.

 

Boden als Schlüsselressource

„Boden wird in der Praxis fast ausschließlich ökonomisch bewertet, obwohl er weit mehr ist als ein Standortfaktor“, erklärt Irem Aksoy, Wissenschaftlerin des Forschungszentrums Business Informatics der FHV. Tatsächlich erfüllt Boden zentrale Funktionen – etwa als Lebensraum, CO₂-Senke, Wasserspeicher oder Grundlage für die Nahrungsmittelproduktion.

Gleichzeitig wächst der Druck auf unterschiedliche Akteure: EU-Taxonomie, ESG-Vorgaben und die Bodenstrategie Österreichs fordern zunehmend transparente Nachhaltigkeitsbewertungen. Dennoch bleiben ökologische und soziale Leistungen in klassischen Modellen oft unberücksichtigt.

Die Forschung bestätigt diese Lücke: „Ökosystemleistungen wie Wasserregulierung, Klimawirkung oder Biodiversität werden häufig unterschätzt, obwohl sie für die langfristige Nutzung von Böden entscheidend sind“, betont Laura Koller, Wissenschaftlerin der OST – Ostschweizer Fachhochschule und ihr Kollege Wissenschaftler Oliver Christ ergänzt: „Hinzu kommen Entwicklungen wie Erosion, Verdichtung oder Humusverlust, deren Auswirkungen oft erst langfristig sichtbar werden.“

 

Ein Perspektivenwechsel: Boden im Kreislauf denken

Genau hier setzt das Bewertungstool an: Es versteht Boden nicht mehr primär als wirtschaftliches Gut, sondern als endliche Ressource in einem Kreislaufsystem.

Ökologische, ökonomische und soziale Faktoren werden systematisch verknüpft. Bewertet werden etwa Bodenfruchtbarkeit und CO₂-Speicherung ebenso wie Ertragsfähigkeit, Nutzbarkeit und Erholungswert. Entscheidend ist dabei der Blick in die Zukunft: Welche kurz- und langfristigen Auswirkungen haben Eingriffe auf den Boden?

Orientierung bieten die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft (R-Strategien). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der Flächenverbrauch verlangsamt und bestehende Flächen wiederverwendet und regeneriert werden können, bevor neue, unversiegelte Flächen in Anspruch genommen werden.

 

Innovation in der Bewertung

Der wissenschaftliche Mehrwert liegt in der integrativen und dynamischen Herangehensweise. Insgesamt 15 Kriterien werden in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziales gebündelt und je nach Flächenkategorie gewichtet.

Neu ist vor allem der Vergleich von Status quo und geplanter Nutzung. So wird sichtbar, wie sich Eingriffe auf die Bodenqualität auswirken und welche langfristigen Effekte entstehen. Ergänzt wird dies durch die Kombination quantitativer Kennzahlen mit fachlicher Bewertung sowie die Berücksichtigung unterschiedlicher Zeithorizonte.

Die Entwicklung eines solchen Instruments ist methodisch anspruchsvoll. Eine zentrale Aufgabe besteht darin, für jede der drei Dimensionen jene Kriterien zu identifizieren, die das Wesentliche abbilden. Dabei sollte das Tool nicht mit zu vielen Einzelindikatoren überladen werden.
Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus dem länderübergreifenden Ansatz: In der Bodenseeregion treffen mit Österreich, der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein unterschiedliche Datengrundlagen, Kartenwerke und Zugangsregelungen aufeinander. Diese heterogenen Daten in eine vergleichbare Bewertungslogik zu überführen, ist eine zentrale Aufgabe und ein wesentlicher Mehrwert der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

„Damit gelingt eine systematische Übersetzung von Ökosystemleistungen in die Logik der Immobilien- und Grundstücksbewertung“, so Irem Aksoy. Zugleich schafft das Tool eine Brücke zwischen Bodenkunde, Raumplanung, Immobilienwirtschaft und Nachhaltigkeitsberichterstattung.

 

Erweiterte Entscheidungsgrundlagen für die Praxis

Der praktische Nutzen zeigt sich in Planungs- und Entscheidungsprozessen: Gemeinden und Raumplaner können fundierter abwägen, ob Flächen bebaut, erhalten oder renaturiert werden sollen. Zielkonflikte werden früher sichtbar.

Auch für Investoren gewinnt das Thema an Bedeutung. ESG-Anforderungen verlangen nachvollziehbare Kennzahlen, ein ganzheitliches Bewertungstool kann daher helfen, Risiken besser einzuschätzen.

 „Derzeit wird Boden überwiegend nach wirtschaftlichen Kriterien bewertet, ökologische Aspekte werden höchstens punktuell berücksichtigt“, berichtet Praxispartner Markus Berchtold, Geschäftsführer heimaten. Gleichzeitig wird das Potenzial klar gesehen: „Ein transparentes Bewertungssystem kann die Qualität der Raumplanung verbessern und Entscheidungsprozesse deutlich erleichtern.“

 

Vom Modell zur Transformation

Über die konkrete Anwendung hinaus leistet das Tool einen Beitrag zu einem grundlegenden Perspektivenwechsel. Es macht sichtbar, dass Boden eine begrenzte Ressource ist und unterschiedliche Nutzungsansprüche in Einklang gebracht werden müssen.

Wissenschaftliche Modelle können komplexe Zusammenhänge abbilden, Wechselwirkungen zwischen den drei Dimensionen sichtbar machen und Szenarien simulieren. So entsteht eine Entscheidungsgrundlage, die sowohl kurzfristige als auch langfristige Auswirkungen berücksichtigt.

Das Projekt zeigt: Nachhaltige Bodennutzung erfordert ein systemisches Verständnis sowie neue Werkzeuge, um diese Komplexität in der Praxis greifbar zu machen.

 

Stimmen aus dem Projekt


„Boden wird in der Praxis fast ausschließlich ökonomisch bewertet, obwohl er weit mehr ist als ein Standortfaktor.“

Irem Aksoy, Wissenschaftlerin am Forschungszentrum Business Informatics der FHV


„Viele zentrale Funktionen von Böden bleiben in klassischen Bewertungsansätzen unberücksichtigt. Dazu zählen etwa ihre Bedeutung für den Wasserhaushalt, das Klima oder die Biodiversität.“

Laura Koller, Wissenschaftlerin der OST – Ostschweizer Fachhochschule


„Boden muss künftig als endliche Ressource im Kreislauf gedacht werden. Wissenschaftliche Modelle helfen, langfristige Auswirkungen sichtbar zu machen.“

Oliver Christ, Wissenschaftler der OST – Ostschweizer Fachhochschule

„Ein transparentes und breit getragenes Bewertungssystem kann die Qualität der Raumplanung verbessern und Entscheidungsprozesse deutlich erleichtern.“
Markus Berchtold, Geschäftsführer heimaten

 

Von Juni 2023 bis Ende Mai 2027 wird das Circular Lab / IoT Sustainability Lab /Sustainable Mobility Lab durch das Programm Interreg VI «Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein» (ABH) gefördert, dessen Mittel vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und vom Schweizer Bund zur Verfügung gestellt werden.

 

Kontakt

Mitarbeiterfoto von  Irem Aksoy | © FHV / Nina Bröll


Irem Aksoy, BSc
Studentische Mitarbeiterin Forschung
Forschungszentrum Business Informatics

+43 5572 792 3733
irem.aksoy@fhv.at